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Liebe Kolleginnen und Kollegen in den Medien, Verlagen und Buchhandlungen,
liebe Krimifreundinnen und -freunde, 

zu den Merkwürdigkeiten der Augustliste gehört, dass wir aus zwei großen Roman-Serien jeweils das 22. Buch präsentieren.

Bitte beachten Sie die Sperrfrist und  äußern Sie sich öffentlich erst nach dem 2. August mit Lob und Tadel zum Inhalt dieser Krimibestenliste.


An der Spitze der aktuellen Krimibestenliste August 2020 finden Sie neu auf  Platz 1:

Paradise City von Zoë Beck (Im Juli Patz 4)

Obwohl Paradise City in hundert Jahren spielt, kommt einem vieles darin wie der gegenwärtige Albtraum vor, nur etwas albtraumhafter. Nach etlichen Epidemien ist die Bevölkerung stark reduziert, wohl überwacht durch die Gesundheits-App KOS (analog zu Äskulaps Insel, wie mir die Autorin verriet) und ausgestattet mit dem Allround-Smartcase als Bindeglied zur Kontrollinstanz dämmert sie satt und zufrieden in Megacities vor sich hin, eingelullt von den Staatsmedien, die als Alibi für eine autoritäre, formal aber noch bestehende Demokratie so etwas wie die unabhängige Agentur GALLUS dulden.
Als eine unabhängige Investigativjournalistin ermordet wird und der Agenturchef unter die U-Bahn stürzt, sammeln die Mitarbeiterinnen alle Kräfte, um herauszufinden, wer ihnen warum ans Leben will.
In ihrem elften Kriminalroman (im letzten Newsletter hatte ich fälschlich 14 gezählt) zeigt die vielfach ausgezeichnete 1975 geborene feministisch stark engagierte Zoë Beck eine Gesellschaft, in der Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe keine diskriminierende Rolle mehr spielen. Viele Ungleichheiten, unter denen heute gelitten wird, scheinen abgeräumt. Umso zentraler ist die Frage: Wer hat die Macht und wie wird sie ausgeübt?
Erzählt wird diese keineswegs abstrakte Dystopie aus der Perspektive der Rechercheurin Liina. Ausgestattet mit einem inzwischen zweiten Spenderherzen ist sie Nutznießerin wie Objekt der modernen medizinischen Technik und ihres Kontrollwahns. Das Riskante und Provozierende dieses Thrillers ist die Frage, ob wir es so weit kommen lassen, dass wir uns zwischen Gesundheit und Freiheit entscheiden müssen.


„Die Spannung des Szenarios resultiert nicht so sehr aus dem Rätsel. Sondern aus der Spekulation, aus dem Entwurf einer Zukunft. Einige Linien scheinen direkt aus unserer Gegenwart in sie hineinzuführen. Die Gesundheits-App ist schon heute der heimliche Traum der Kassen, Gesundheitskonzerne und Ämter, und wenn man den milden Selbstoptimierungswahn verschärft und flächendeckend werden lässt, ist man schnell in Paradise City. (…)Paradise City ist ein beunruhigendes Buch.“ (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)


Und hier noch ein Interview, das Marcus Müntefering mit der Autorin geführt hat.


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Neu auf der Krimibestenliste August finden Sie insgesamt sieben Titel.

Diesmal sind es je 
1 englischer
3 amerikanische
2 deutsche
1 französisch-schweizer

Mit zusammen 2.574 Seiten.
1 weibliche, 6 männliche Autoren.


Neu sind:


Auf  Platz 2: Der Bluthund von Lee Child (original 2017: The Midnight Line )

Diese ihren Lesern oft so amerikanisch scheinende Thrillerserie stammt von einem englischen Autor: Lee Child wurde 1954 in Coventry geboren und arbeitete bis 1995 als Produzent von TV-Serien. Nach der Auflösung der Firma begann er zu schreiben. Child lebt inzwischen in den USA, in Frankreich und in England. Der einzige Held aller inzwischen 24 Thriller ist Jack Reacher, Einzelkämpfer, Tramp, 1,96 Meter, 113 Kilo Kampfgewicht (im Film dargestellt von dem 1,70 großen Tom Cruise), mehrfach dekorierter Ex-Militärpolizist.
Lee Child hat ihm einen Überbau zugeschrieben. In seinem Essay Der Held von 2019 sieht er Reacher als hervorragenden Überlebenden jener nicht mehr als 2000 Personen der Gattung Homo sapiens, die die konkurrierenden Neandertaler überlebt haben, als Volkshelden in der Tradition Robin Hoods und als fahrenden Ritter. Ob die Welt einen Helden dieser Art braucht, beantwortet er mit unnachahmlicher Lakonie. Child macht es Spaß, über ihn zu schreiben, auch wenn er Anfang 2020 verkündete, den 25. Reacher-Roman werde er mit seinem Bruder Andrew Grant verfassen und anschließend den Griffel ganz an ihn übergeben.
Hartgesottene Reacher-Fans entdecken allerlei Verweichlichung im Bluthund, andere nicht. Jedenfalls tritt Reacher sozialer (er arbeitet mit je nach Zählung mit zwei oder drei „Assistenten“ zusammen), irgendwie zarter und romantischer (vergangene Lieben, eine ritterliche Beziehung zu der Veteranin, deren West-Point-Ring er ausgelöst hat) und politischer auf.
Erstmals wendet Reacher sich einem Gegenwarts-Problem der USA zu: der Opioid-Krise. In Essay wie Roman denkt Child über die Etymologie von Heroin nach – als Stoff für Helden.
In gewisser Hinsicht kann man Der Bluthund auch als Childs Heimatroman lesen. In Wyoming, in dessen verlassenen Bergtälern der Roman hauptsächlich spielt, besitzt auch Lee Child ein Landhaus.
 
„Jack Reacher, der Loner und Drifter, der Ex-Militärpolizist, ein Mann der instrumentellen Vernunft, ist nun mal eine der auffälligsten und interessantesten Krimihelden der letzten Jahrzehnte. [..] Reacher hat ein paar erstaunliche selbstreflexive Anwandlungen, aber man muss sich deshalb keine Sorgen um ihn machen.“
(Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

Kolja Mensing ist im Deutschlandfunk Kultur ebenfalls angetan vom weicheren und realistischeren Reacher: „Das funktioniert auf verstörende Art ziemlich gut. Lee Child zeigt uns – mit dem immer halb naiven, halb selbstgefälligen Blick Jack Reachers – unangenehm eindringlich, wie Schmerzmittel auch in der Provinz zum Teil des amerikanischen Mittelklasse-Alltags geworden sind.“


Auf  Platz 4: Eine wahre Freundin von William Boyle (original 2019: A Friend is a Gift you Give Yourself)


Seit seinem ersten Roman Gravesend (2013/2018) ist der 1978 in Brooklyn geborene William Boyle Dauergast auf der Krimibestenliste. Von Roman zu Roman bewegt er sich ein Stückchen weiter weg aus seiner Ursprungs-Neighbourhood Gravesend. Spiegelte Einsame Zeugin (2018/2019) den Stadtteil im Süden Brooklyns noch einmal aus der Perspektive einer Nebenfigur, so dient er in Eine wahre Freundin als Ausgangspunkt für ein teils slapstickartiges Roadmovie, das seinen Showdown in upstate New York findet, wo sich drei Frauen, die im Kampf mit der Männerwelt und der Mafia zu Freundinnen geworden sind, siegreich über alle Feinde triumphieren.

Man kann sich das Selbstverständnis des immer mit einem kumpelhaft strahlenden Lächeln abgebildeten Autors vielleicht so vorstellen wie die Rolle des einzigen Mannes, der in Eine wahre Freundin Anerkennung bei der kämpferischen Damenriege findet. Er unterstützt sie, wo er nur kann, bringt dadurch ihre besten Seiten und Fähigkeiten zum Glänzen und wird dadurch in ihrer erweiterten Gemeinschaft geduldet. Ein Ritter im karierten Hemd.

Hanspeter Eggenberger (Tages-Anzeiger) ist wie schon beim letzten Band entzückt: „Als ‚Screwball Noir‘ bezeichnete Boyle die leicht überdrehte und meist ganz schön komische Geschichte selbst sehr treffend. Wobei die Betonung durchaus auf Noir liegt, denn die Geschichte bleibt bei aller Komik beinhart und wird streckenweise durch brutale Gewalt geprägt. Boyles Humor ist schwarz. Und die komischen Elemente der Geschichte dienen keineswegs dazu, Grausamkeiten zu verharmlosen. ‚Gewalt treibt die Welt an. Die Welt ist aus Gewalt erschaffen‘, heisst es einmal. ‚Die Schwachen bleiben auf der Strecke.‘ Mit Eine wahre Freundin, seinem dritten auf Deutsch erschienen Roman, etabliert sich der 42-jährige William Boyle definitiv in der obersten Liga der aktuellen amerikanischen Kriminalliteratur.“


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Auf  Platz 6: Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit von Max Annas

Nach dem bravourösen Aufschlag mit Morduntersuchungskomission – ein mosambikanischer Vertragsarbeiter wird von Nazis erschlagen, deren Vorhandensein in der DDR 1983 nicht denkbar ist, Oberleutnant Otto Castorp tötet den Mörder in Selbstjustiz – konnte man sich schon fragen, ob Max Annas der miefigen DDR in ihrem letzten Jahrzehnt noch weiter literarische Funken entlocken könnte.

Mit dem Fall Melchior Nikoleit scheint mir diese Frage beantwortet. Annas nimmt seinen Protagonisten Otto Castorp aus der literarisch gefährlichen Pole Position des einsam widerständigen Cops zurück in den Routinealltag der Ermittlungsarbeit und macht ihn damit nur noch stärker zum Seismographen der einen Hälfte der Welt, die erzählt wird: der des failed state DDR. Dieser Welt steht die des aufkeimenden Jugendprotests gegenüber, aber durchaus nicht in heroischer Gestalt. Es sind vier „Punker“, die, schon bevor einer von ihnen, der Bassist Melchior Nikoleit, erschlagen im Schuppen seines Vaters liegt, den „Organen“ ein Dorn im Auge waren. Es ist die Außenseiterin unter den Außenseitern, zudem das einzige Mädchen, die Pfarrerstochter Julia Frühauf (!), die ihren naiven Sehnsüchten ihre Stimme leiht.  

Woran ist die DDR zugrunde gegangen? Die Versprechen des Anfangs waren von Beginn an zu groß und zu großartig, kollidierten immer stärker mit den ökonomischen, sozialen und menschlichen Gegebenheiten. Das Ergebnis war ein Staat, der seine Officials wie seine Bürger in die immer engeren Schraubzwingen eines komplexen Systems von Lügen quetschte, bis das nicht mehr auszuhalten war.
1985 – Gorbatschow ist frisch an der Macht – ist ein Jahr, in dem diffuse Erneuerungshoffnungen noch keimen können, aber der Staats-Gärtner ist noch kräftig genug, die Pflänzchen herauszureißen.
Aber das, was noch im letzten Roman Morduntersuchungskommission versprochen wurde, alle Morde aufzuklären, kann er schon nicht mehr.
Die einstige Parole „vom Ich zum Wir“ ist in ihr krasses Gegenteil verkehrt: die Ichs kennen kein Wir mehr, und dort, wo eines sich zeigt, ist die Stasi am nächsten.
Das alles dröselt Annas mit großem Gespür für Details in viele Stimmen auf, führt einzelne Verdächtige vor, zum Schluss müssen sich die Leser selbst ein Bild machen. Erschossen wird der Falsche aus falschen Gründen. Und man trauert um die jungen Leute, deren Hoffnungen erstickt wurden. 
Ich bin mir sicher: Max Annas‘ Morduntersuchungskommission ist das historisch wie literarisch interessanteste Projekt zur Zeit. Kein Kostümschinken wie Babylon Berlin, kein Ossi-Bashing, sondern klarer Kurs auf unangenehme und verzwickte Wahrheiten. Ich warte auf die Bände 3 und 4.


Auf Platz 7: Blues in New Iberia von James Lee Burke (original 2019: The New Iberia Blues )

Dies ist der zweite 22er in unserem Set: Blues in New Iberia ist der 22. Roman um Dave Robicheaux, Detective im Sheriff Department von New Iberia, der Kleinstadt in Louisiana, in der der 1936 geborene James Lee Burke ungefähr dort wohnt, wo auch Robicheaux sein Haus stehen hat: im historischen Zentrum nahe der Zugbrücke, ein Bein im träge vor sich hin wirbelnden Bayou Teche baumelnd.
2019 hat Burke in einem Interview erklärt, dass dieses Buch mit dem Vorgänger Mein Name ist Robicheaux und A Private Cathedral, das Mitte August 2020 auf Englisch erscheinen soll, eine Trilogie bildet „about the era in which we find ourselves“.

Auf die Frage des Interviewers, ob er nach einem Plan arbeite oder umfassend recherchiere, antwortet Burke: „I’m afraid I don’t do much research, in fact, almost none. The characters and the plot and the material seem to live in the unconscious. I never know where a book of mine is going, not even as I write the last two or three pages.“ Das merkt man Blues in New Iberia, das Burke für das beste Buch der Serie hält, an.
„Does anyone really read Burke expecting a coherent narrative?“ fragt die langjährige Krimikolumnistin der New York Times, Marilyn Stasio.
Wenn man derart gewarnt seine Kohärenzerwartungen heruntergeschraubt hat, ist Blues in New Iberia ein absolut großartiges Buch. Man kann es als detektivische Ermittlung gegen einen Serienmörder lesen, der so abgefeimt ist, dass ihn nur ein anderer Serienmörder (mit einer gestörten, aber echten Liebe für Kinder und Unschuldige) stellen kann. Aber im Kern handelt Blues in New Iberia von einer untergegangenen Welt, die nur noch in den düsteren Träumen des Alkoholikers Robicheaux zum Erscheinen gebracht werden kann. Und vom Älterwerden und von der Spur aus Gewalt, die sich durch die (amerikanische) Geschichte zieht und von der Sehnsucht nach Liebe – vom Blues eben. Der ist personifiziert in der Sängerin Bella Delahoussaye. Allein um diese Frau kennenzulernen, müssen Sie dieses Buch lesen. Aber das ist nur ein Grund. Ein anderer ist der großartige Sound, den James Lee Burke im besten Alter von 83 Jahren drauf hat wie keiner, von Jürgen Bürger toll übertragen.


Auf  Platz 8: One-Way-Ticket ins Paradies von Joseph Incardona (original 2014: Aller simple pour Nomad Island)

Neben Zoë Becks Paradise City ist One-Way-Ticket ins Paradies das Buch zur Stunde. Während Touristen und Touristiker aus unterschiedlichen Motiven bangen, die Urlaubsreisen der Saison könnten dem Corona-Virus zum Opfer fallen oder die Pandemie wieder anheizen, führt Incardona mit sarkastischer Konsequenz vor, dass Tourismus selbst ein Virus ist. Diese Kulturkritik des touristischen all-inclusive-Glücksversprechens ist nicht neu. Aber so satirisch auf den bösen Punkt gebracht wie in Incardonas One-Way-Ticket ins Paradies wurde sie selten.

Statt weiterer Worte hier der Link zur begeisterten Rezension Hanspeter Eggenbergers (Tages-Anzeiger).



Auf  Platz 9: American Spy von Lauren Wilkinson (original 2018: American Spy)

Spätestens als Barack Obama den Debütroman der 1984 geborenen Dozentin für Creative Writing Lauren Wilkonson auf seine summer reading list 2019 setzte, war American Spy breite Aufmerksamkeit garantiert.
Das ist auch verständlich. Denn Wilkinson fasst in ihrer Geschichte einer afroamerikanischen CIA-Agentin, die gegen einen charismatischen, milde sozialistischen schwarzafrikanischen Präsidenten eingesetzt wird, gleich mehrere heiße Eisen an: die doppelte Diskriminierung von Frauen und Schwarzen in den amerikanischen Geheimdiensten, den amerikanischen Imperialismus während des Kalten Krieges, die neokolonialistische Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegung in der Dritten Welt und nicht zuletzt das bei einer schwarzen CIA- und FBI-Agentin, die gegen ihre „eigenen Leute“ vorgehen soll, besonders brisante „doppelte Bewusstsein“ (W.E. Dubois) der Afroamerikaner. Diese Themen sind so heiß, dass die amerikanischen Rezensionen sich in Begeisterung und Zustimmung überschlugen. Dazu kommen noch ein paar Nebenkonflikte: die Schuldgefühle einer berufstätigen Mutter ihren Kindern gegenüber, die Unterdrückung männlicher Homosexueller in den Geheimdiensten, private Spionageorganisationen ersetzen die zumindest etwas besser kontrollierbaren staatlichen.  
Konflikte zu Hauf, die Wilkinson zwar entschieden thematisiert (die Afrikathemen sogar in kleinen Aufsätzen), aber nur mühsam in einen Thrillerplot spannen kann.
Der geht so: 1992 wird die Ex-Agentin und jetzt als Überetzerin tätige Marie Mitchell, Mutter von Zwillingssöhnen, nachts in mörderischer Absicht überfallen, kann den Attentäter jedoch erschießen und entzieht sich den polizeilichen Befragungen, indem sie mit falscher Identität bei ihrer Mutter auf Martinique Zuflucht sucht. Dort organisiert sie den Schutz ihrer Kinder und bereitet den Gegenschlag gegen den Anstifter des Attentats vor. Währenddessen verfasst sie für ihre vierjährigen Söhne ein Tagebuch mit ihrer Geschichte, das den Hauptstoff von Wilkinsons Buch ausmacht.
Sie ruft darin die Erinnerung an einen der modernsten, aber zugleich erratischen politischen Führer des nachkolonialen Schwarzafrika wach. Thomas Sankara war von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987 Präsident von Burkina Faso und ist in vielen seiner  politischen Vorstellungen bis heute vorbildlich. Er förderte massiv die Gleichstellung der Frauen, sorgte breit für Impfmaßnahmen und Bildung, lehnte neokoloniale Entwicklungshilfe zugunsten afrikanischer Selbsthilfe ab.
Dass die auf ihn angesetzte CIA-Agentin Sympathie für diese Politik empfindet, ist verständlich. Dass sie aber von der ersten Sekunde an seiner viril-männlichen Anziehung erliegt
ACHTUNG SPOILER
und nach einem One-night-stand im schwülen Ouaga (nur wahre Kennerinnen kürzen den Namen der Hauptstadt ab!) Mutter seiner Zwillinge wird
SPOILER ENDE
ist transatlantischer Kitsch.

Persönliche Bemerkung:  Selten sind wichtige Intention eines Buches – was American Spy interessant macht – und schriftstellerisches Unvermögen so hart aneinander gekracht. Das gilt auch für Wilkinsons unbeholfene Sprache, die im Deutschen durch das Zusammenwirken von vier (!) Übersetzerinnen nicht gerade literarisch geworden ist.


Auf  Platz 10: Meier von Tommie Goerz

„Parallelgesellschaft“ markiert im Zusammenhang der verkorksten Integrationsdebatte eine eher dämliche Position. Wie sollen sich Gruppen von Einwanderern integrieren, wenn nicht durch die Errichtung von parallelen Strukturen, in denen sie sich in der Fremde wohl und geborgen fühlen können?
Unwahrscheinlich ist es nicht, dass der Soziologe Marius Kliesch, der sich als Autor Tommie Goerz nennt, solche Implikationen mitgedacht hat, als er Meier schrieb. Mit Subkulturen ist Goerz, der u.a. bisher 8 fränkische Regionalkrimis und eine Hommage an das Wirtshaus verfasst hat, vertraut.
In der Geschichte Meiers, des Mannes, der wegen Mord unschuldig zehn Jahre im Gefängnis saß und sich auf einen Freiheits- und Rachezug begibt, porträtiert Goerz eine andere Parallelgesellschaft, die der Ex-Knackis. Und er porträtiert sie so, dass man – wären nicht ein paar Jahre Knast Eintrittsvoraussetzung – am liebsten zu ihr gehören möchte. So solidarisch, lebenskünstlerisch, ritterlich und verschworen geht es dort zu. Aber auch ein Anderthalb-Stunden-Ausflug in das erfreulich knappe und amüsante Buch genügt, um drohende Anfälle von Griesgrämigkeit und Obrigkeitshörigkeit abzuwehren.

„Meiers Rachefeldzug hat Goerz geschickt eingefädelt. Und er erzählt davon in einer knochentrockenen, rauen, abgerissenen Sprache, die nicht immer komplette Sätze benötigt, die in den Dialogen auf Tempo und Prägnanz drückt und deren Lakonie sehr präzise ausdrückt, wie Meier sich zur Welt verhält: Keine unnötige Bewegung, jeder Zug muss sitzen. ‚Gegen die Lüge hat die Wahrheit keine Chance. Weil die Lüge stimmig ist, die Wahrheit oft voller Widersprüche.‘ Ein starker Satz in einem starken Buch.“ (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Zeitung)





Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal steht Guillermo Martínez mit Der Fall Alice im Wunderland auf der Krimibestenliste.

Ich wünsche Ihnen wie immer viel  Anregung und Vergnügen bei der Lektüre und würde mich freuen, wenn Sie unsere Bestenliste weiterempfehlen  könnten. Abonnieren kann man diesen Newsletter hier


Die Krimibestenliste August wird wie immer am ersten Sonntag des Monats, am 2.8.20, veröffentlicht, und ist online wiederzufinden unter www.faz.net/krimibestenliste
und www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste .
Unter diesen Webadressen finden Sie immer die aktuelle Krimibestenliste.

Am Freitag, dem 31. Juli, um 8.20 Uhr  gab es wie immer einen Vorgeschmack auf die Krimibestenliste bei Deutschlandfunk Kultur.

Die Krimibestenliste finden Sie als Download zum Ausdrucken unter 
Krimibestenliste August

Mit besten Grüßen

Ihr Tobias Gohlis




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Krimibestenliste
Tobias Gohlis
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