Wird diese Nachricht nicht richtig dargestellt, klicken Sie bitte hier.
Liebe Kolleginnen und Kollegen in den Medien, Verlagen und Buchhandlungen,
liebe Krimifreundinnen und -freunde, 

manchmal produziert der Zufall (eine Ritze, „die Gott nutzt, um in die Welt zu gelangen“ frei nach Heinrich Steinfest) unserer Auswahl eine merk- oder denkwürdige Kollektion von Titeln.
Passend zur Jahreszeit würde ich das Märzergebnis DANSE MACABRE DER DETEKTIVE überschreiben.
Drei der sechs neuen Titel reflektieren  – man könnte sie „Metakrimis“ nennen – das Gewebe, Gewerbe von Kriminalliteratur. Und kommen zu Ergebnissen, die die Leser sich selbst erschließen müssen und stellen Spannung in den Zusammenhang mit intellektuellem Abenteuer.

Bitte beachten Sie die Sperrfrist und  äußern Sie sich öffentlich erst nach dem 3. März mit Lob und Tadel zum Inhalt der Krimibestenliste März

An der Spitze der Krimibestenliste März 2019 finden Sie weiterhin auf  Platz 1:

Bluebird, Bluebird von Attica Locke (original 2017: Bluebird, Bluebird)

In den USA ist die in Los Angeles lebende Attica Locke als Produzentin und Autorin der TV-Serie Empire, sowie als Verfasserin von vier Romanen bekannt. Im deutschsprachigen Raum ist Bluebird, Bluebird ihr beeindruckendes Debüt. Sofort auf Platz 1. 
Ihre Perspektive auf Gesellschaft – und das ist immer auch das Verhältnis der Rassen – in Texas ist unerwartet und ungewöhnlich. Wie Locke selbst ist auch ihr Protagonist Darren Mathews kein sozialer Außenseiter; beide kommen aus der Mitte des schwarzen Mittelstands. Gäbe es keinen Rassismus, würde man sagen können, und zwar ohne Beigeschmack: Sie kämen „aus der Mitte der Gesellschaft.“
Darren stammt aus einer Familie von Gesetzeshütern. Ein Onkel war der erste Schwarze in der Elite-Truppe der Texas-Ranger, der andere ist hoch angesehener Rechtsanwalt in Houston. Seine Frau, und das ist nur einer seiner Konflikte, ist ebenfalls Anwältin. Er aber hat sein Jura-Studium (das in den USA ein Aufbaustudium ist) in der Elite-Uni Princeton abgebrochen, nachdem weiße Suprematisten 1998 den Afroamerikaner James Byrd Jr.  zu Tode geschleift hatten. Darren konnte die Mischung aus „Mitleid und Verachtung“ nicht länger ertragen, mit der seine weißen Kommilitonen und Professoren daraufhin über Texas sprachen. Jetzt, wo er seinen Stern als Texas-Ranger abgeben musste, weil er vielleicht zugunsten eines alten Freundes der Familie agiert hat, soll er wieder an die Uni zurückkehren. Er will aber Ranger bleiben.
Locke wie Mathews sind Patrioten. „Es ist meine Heimat“, sagt Darren, und die wird er niemandem überlassen, schon gar nicht weißen rassistischen Dumpfbacken wie der Arischen Bruderschaft von Texas. Deren Initiationsritus verlangt eine „schwarze Leiche, Hauptsache, man häutete sie selbst.“
Darrens weißer FBI-Freund Greg hat ihn auf einen Doppelmord im fiktiven Lark im realen Shelby-County aufmerksam gemacht. Hier ermittelt er halb offiziell, und ist in diesem Kaff nur allzu bald mit allen Erscheinungsformen von Rassismus und der damit verbundenen Klassen- und Moralsysteme konfrontiert.

(c) Mel Melcon, Los Angeles
Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

Locke beleuchtet wie unterm Mikroskop die Schattierungen von Hass und Angst, führt uns eine Gesellschaft im Stadium des Terrors vor. In einem Interview mit dem Guardian betont sie, dass schon unter Obama der Rassismus wieder zugenommen hat, nicht erst unter Trump. Weshalb sie an dem Manuskript auch nichts ändern musste.
Attica Locke, geboren 1974, stammt selbst aus Ost-Texas, und man kann annehmen, dass Darrens und ihre Ansichten nicht weit auseinander gehen. Ihre Eltern waren Aktivisten und nannten sie nach dem US-Gefängnis, in dem 1971 bei einem Aufstand 43 Personen ums Leben kamen.
Bluebird, Bluebird erhielt 2018 den „Edgar“ für den besten Kriminalroman des Jahres.

Locke traut sich viel auf einmal zu: eine vertrackte Krimihandlung, eine Familiensaga, mehrere Liebesgeschichten, eine Abrechnung mit Rassismus, eine Hommage an ihre Heimat. Das hätte leicht schiefgehen können, ist es aber nicht. Attica Locke weiß von Anfang an, was ihr Held erst noch lernen muss: Das Leben ist zu komplex für einfache Lösungen.“ (Marcus Müntefering, Spiegel online)

 „Mit einer zutiefst menschlichen, überraschenden und wendungsreichen Geschichte von Mord, Familienkampf und Heimatliebe unterläuft Bluebird, Bluebird alle vertrauten Klischees, linke wie rechte, schwarze wie weiße.“ (Tobias Gohlis, Deutschlandfunk Kultur)


 

Neu auf der Krimibestenliste März stehen insgesamt sechs Titel.

Diesmal sind es je 
2 amerikanische,
1 haitianischer,
1 deutscher,
1 kubanischer und
1 koreanischer.

Mit zusammen 1768 Seiten.
Zwei weibliche, vier männliche Autoren.



Neu sind:


Auf  Platz 2: Willnot von James Sallis (original 2016: Willnot)

„Botschaften? Nicht entzifferbare Signale? Oder Zufall – wie der Großteil des Lebens.“
Lamar Hale, Landarzt und Ich-Erzähler von Willnot, redet zwar nur von Anrufnotizen auf seinem übervollen Todo-Zettel. Aber er redet so darüber, wie er über alles redet, als ginge es immer darum, alles zu verstehen. Oder zumindest einzusortieren.
James Sallis, 1944 in Helena, Arkansas geboren, wohnhaft in Phoenix, Musiker, Poet, Kritiker, Autor, fordert von seinen Studenten, „so viel wie möglich vom Leben“ in jede Szene zu packen, und reklamiert dieses Verfahren auch für sich selbst.
Weshalb Willnot zwar mit dem Fund von vier in einer Grube verbuddelten Leichen beginnt, diese werden dann aber zu etwas, was auf Lamar Hales Todo-Zettel stehen könnte. In diesem Buch, das beinahe wie das Tagebuch des Landarztes daherkommt, nur komprimierter, gibt es viel mehr Tote, und es gehört zu Sallis‘ Kunst, die natürlichen wie die unnatürlichen genauso unerklärlich zu machen wie die aufgefundenen und verbuddelten.
Ist eine Diagnose eine Erklärung? Letztlich sagt sie so wenig oder viel wie die These, dass Kater Dickens etwas Falsches gegessen hat, dass er in Richard und Lamars Bett kotzt.
Warum „Bobby“ Brandon Lowndes, der mit sechzehn ein Jahr lang Lamar Hales Patient war, nach Willnot zurückgekehrt ist, warum er Kontakt zu dem hochbegabten jungen Einzelgänger Nathan aufnimmt, warum er angeschossen wird, ob dies mit seinem Background als Scharfschütze und mit den damit verbundenen Tötungen zu tun hat – wir erfahren es nicht, weil es Lamar nicht erfährt. Er nennt Bobby „einen dieser merkwürdigen Spiegel, mit denen das Leben einen manchmal konfrontiert.“
Das trifft auf Willnot auch zu, mit dem Unterschied, dass Willnot von Sallis zu dem Zweck konstruiert wurde, ein merkwürdiger Spiegel zu sein.

Kolja Mensing hat herausgefunden, dass in diesem Spiegel ein schwarzes Loch verborgen ist, das die Gefühle der Bewohner in schwarze Materie verwandelt. Lesen oder hören Sie seinen Beitrag in Deutschlandfunk Kultur, der wie immer am Freitag vor Veröffentlichung der Krimibestenliste gesendet wurde.


Auf  Platz 3: Im Namen des Katers von Gary Victor
(original 2018: W ap konn Georges) 


Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, ist als Chefredakteur der Tageszeitung Le matin und vor allem als Radiokommentator im Innern Haitis eine angesehene und geschätzte Stimme der demokratischen Vernunft. Das sollte der deutsche Leser mitdenken, der sich mit Inspektor Dieuswalwe Azémar auf seinen vierten Trip begibt.
Um es wieder einmal zu sagen: „Dieuswalwe“ ist die mit zwei w – Azémars einziger Stolz – geschriebene kreolische Version des französischen Namens Dieu-soit-loué, und der ist angesichts der Verhältnisse in Haiti purer Hohn, bedeutet er doch Gott sei gelobt.
Der Titel des mit Glossar auf 168 Seiten komprimierten rasanten Thrillers ist ein gelungenes Wortspiel von Autor und Übersetzer: Der kreolische Titel W ap konn Georges bedeutet übertragen „Da kannst du was erleben“. Im Roman muss Inspektor Azémar den verschwundenen Perserkater einer reichen Dame finden, auf den angeblich die übernatürlichen Kräfte ihres verstorbenen Bruders übergegangen sind. Sowohl Bruder als auch Kater hießen Georges – und natürlich sind es viel handfestere Gründe, aus denen diverse Gangster, Polizisten und Reiche hinter dem Vieh her sind, für dessen Wiederbeschaffung Azémar 30.000 US-Dollar bekommen soll. Damit will er den Unterhalt seiner Tochter finanzieren, die er zum Schutz in den USA bei einer Tante untergebracht hat.
Ihn aber plagen noch andere Kater: Ganz biologisch der Kater, den der Suff hervorruft – und saufen kann er: Azémar gewinnt sogar einen Wettkampf in dieser Disziplin. Und er jagt einen Serienmörder, der die Trinker umbringt, die zum Schnaps am liebsten Katzenfleisch verzehren. Und dann gibt es noch den moralischen Kater, der Azémar befällt, wenn er an sich und sein Land denkt. Denn der beste Polizist des Landes ist auch ein schlauer Mörder. Die Bösewichter, die das Land zerstören, legt er eigenhändig um, unter ihnen auch den Zauberer, der ihm den Dämon eingepflanzt hat, der ihn in fünf Tagen dazu treiben wird, eine unschuldige Frau zu köpfen.

Gary Victor ist ein Kriminalschriftsteller, der nicht vergessen hat, woher das Genre stammt – aus den Gefilden von Trash und Schund. Wie er das mit seinem speziellen Blick auf Politik und Gesellschaft verbindet und zu ausgesprochen packenden, prototypischen Milieuschilderungen verdichtet, das hat extra große Klasse.“ (Ulrich Noller, WDR 1)


Auf  Platz 3: Der schlaflose Cheng von Heinrich Steinfest

Vor neun Jahren, 2010, erschien der vierte Fall mit Markus Cheng, dem Wiener Chinesen, der vom Walzer abstammt und ein immer faulerer Privatdetektiv ist. Weswegen sein fünfter Fall, Der schlaflose Cheng, im Urlaub beginnt, auf Mallorca. Dort erkennt er die Stimme des Weltstars Andrew Wake, doch als er sich umdreht, ist es dessen deutschen Synchronsprecher Peter Polnitz. Dieser landet bald darauf im Knast, verurteilt, weil er Wake in einem Raum ermordet haben soll, der eine Skulptur ist. Wer das nicht glaubt, (dass ein Raum eine Skulptur ist) kann das nachrecherchieren: Anthony Gormley hat an das Luxushotel Baumont in London eine Skulptur angebaut, die seinen Körpermaßen entspricht und im Innern „darkness itself“ ist.
Heinrich Steinfest, 1961 in Australien geborener Wiener, der in Stuttgart lebt, lotet wie kein anderer – sein Kollege Wolf Haas arbeitet im Vergleich zu ihm konventionell – die Erzählmöglichkeiten der Kriminalliteratur aus. Seine Romane ähneln den Skulpturen Gormleys. Sie sind Material, das der ehedem bildende Künstler Steinfest um eine Struktur oder einen Schwerpunkt herum konstruiert, und gleichzeitig liefern sie in Ansätzen die Theorie dieser Konstruktion gleich mit. Ohne je zu langweilen. Dazu sind sie nicht nur zu einfallsreich, zu bwechselnd, zu witzig, zu verspielt und zu spannend. Ein Element  von Steinfests Kriminalromanen ist immer martialisch, in diesem Fall ein sprengstofftechnisch begabter Spion von MI 5.
Im Selbsterklärenden variiert Steinfest zwischen Simenon (Cheng ist „im Grunde mehr ein Detektiv des Gefühls“), Chesterton (Krimi als Literatur der großstädtischen Moderne) und seiner eigenen Poetologie, die er dem von H.P. Lovecraft und Jules Verne faszinierten Mörder Mills in den Mund legt: Wenn er vom Realitätsgehalt der Literatur spricht, „spricht er von Dingen, die wir als die Schöpfung eines verspielten, verrückten, verträumten, fabulierenden Menschen erkennen, der halt mit Sprache gesegnet ist. Aber Mills sagt, das Verrückte sei vielmehr, dass viele dieser Dinge stimmen würden und wie sehr Literatur die einzige Form sei, darüber sprechen zu können, ohne im Irrenhaus zu landen.“
In seiner Verspieltheit wie im Glauben, durch Literatur, sei sie noch noch verdreht, zur anderweitig verborgenen Wahrheit vorzustoßen, zeigt sich Steinfest als Seelenverwandter von Sara Gran und Jonathan Lethem.
Sie alle inszenieren den Detektiv als Mythos des modernen Menschen.

„Fotografien und Tulpenblüte und sonst was führen Cheng schließlich nach Island, wo er mit einem isländischen Polizisten, der eigentlich Schweizer ist und Henzli heißt, über Stock und Stein stapft. Kurios entwickelt sich die Handlung, das ist bei Steinfest nicht anders zu erwarten, aber doch auch menschlich.“ (Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau)

Auf  Platz 7: Das Ende der Lügen von Sara Gran (original 2018: The Infinite Blacktop)

Mit Die Stadt der Toten (Krimibestenliste 2012), und Das Ende der Welt (Krimibestenliste 2013) bildet Das Ende der Lügen der 1971 in Brooklyn geborenen Sara Gran eine Trilogie, die zwei Fixpunkte hat: eine kleine Gruppe von Teenager-Detektivinnen (im Unterschied zu den Drei ??? ziemlich wilde Mädchen) aus Brooklyn und das magische Buch voller paradoxer Weisheiten mit dem Titel Détection, das der Superdetektiv Jacques Silette einigen Auserwählten hinterlassen hat. Zu diesen gehört auch Claire de Witt, die nach dem Tod Silettes und ihrer Mentorin Constance Darling nicht nur die beste Detektivin der Welt, sondern auch die einzige wahre Silettistin ist.
Dieser dritte Band, den man gut verstehen kann, ohne die anderen zu kennen, beginnt mit einem Mordanschlag. Eine alte Lincoln-Limousine rammt Claire de Witts Wagen. Sie entzieht sich angeschlagen und verwundet dem Tatort, polizeilichen nachfragen und weiteren Anschlägen, versucht herauszufinden, wer dahinter steckt und kommt, schließlich ist sie die beste Detektivin der Welt, auf die Heftchenromane mit der Detektivin Cynthia Silverton, die in einer obskuren Druckereien in Las Vegas entstanden sind. Mit ihren Brooklyner Freundinnen Kelly und Tracy hat sie sie verschlungen, bis – so ihr Verdacht – Cynthia Silverton ihre Freundin Tracy verschlungen hat. Lesen ist riskant, Kunst ist riskant, Detektivsein ist riskant – jedenfalls, wenn man es ernsthaft betreibt. Und so muss Claire zurückgehen in ihre Anfänge in der Künstler- und Detektivszene von Los Angeles 1999 und in ihre Jugend in Brooklyn 1985, um den Anschlag gegen sich von 2011 aufzuklären.
Das ist ganz großes Literaturkino: exzentrisch, versponnen, mythoman. Interessanterweise in den Kunstdiskursen verwandt mit Steinfest, der aber entspannter und pragmatischer, auch spielerischer ist, und mit Sallis, was die existenzialistische Radikalität betrifft. Und der Asphalt, die Straßen, die das amerikanische Leben sind, spielen bei Lethem wie in Grans titelgebendem „Fall des Unendlichen Asphalts“ eine zentrale Rolle.

Marcus Müntefering begeistert in Spiegel online:
„Claire DeWitt, der selbsternannten ‚besten Detektivin der Welt‘, geht es nicht um Gerechtigkeit. Sondern um Wahrheit. Die Sache, die ihre Klienten ‚am wenigsten wollten und am meisten brauchten‘. (…) James Sallis, eines von Grans großen Vorbildern, schrieb, dass es im modernen Kriminalroman nicht in erster Linie darum gehen solle, Verbrechen aufzuklären, sondern die Lügen aufzuzeigen, die die Gesellschaft und wir uns erzählen. Sallis formulierte seine These vor fast 30 Jahren, Sara Grans Roman ist ein eindrucksvoller Beleg für ihre Aktualität.“



Auf  Platz 8: Die Durchlässigkeit der Zeit von Leonardo Padura (original 2018: La Transparencia del Tiempo)

Mario Conde, Held des Havanna-Quartetts, ist ein Jahr älter als sein Erfinder Leonardo Padura, weshalb er 2014 verzweifelt  seinen sechzigsten Geburtstag herannahen sieht. Das Geschäft mit alten Büchern, das er nach dem Verlassen des Polizeidienstes vor 25 Jahren begonnen hat, ernährt ihn auch kaum mehr. So dass er das Angebot, dem schwulen Kunsthändler Bobby die schwarze Madonna wieder zu beschaffen, die ihm sein Lover geklaut hat, allzu gerne annimmt. Zumal dieser Bobby ein alter Schulkamerad ist, und Freundschaft zählt viel für Conde, erst recht in einer Mangelwirtschaft.
Nach dem Abschluss des Havanna-Quartetts, das ihn über Kuba hinaus berühmt gemacht hat – unter anderem wurde er 2015 mit einem der höchstdotierten Literaturpreise der Welt, dem Prinzessin-von-Asturien-Preis, ausgezeichnet – wandte Padura sich historischen Themen zu.
In Der Mann, der die Hunde liebte spann er einen Roman über die Herkunft des Trotzkimörders Ramón Mercader in Katalonien und sein Ende in Kuba.
In Ketzer thematisierte er, ausgehend von dem gescheiterten Versuch jüdischer Flüchtlinge vor dem Nationalsozialismus, Asyl in Kuba zu bekommen, die großen Fragen von Freiheit der Kunst vor Unterdrückung und Ideologie anhand eines Rembrandt-Gemäldes.
In diese Reihe passt nun, allerdings mit Mario Conde als zentraler Figur, Die Durchlässigkeit der Zeit. Ein Erzählstrang folgt der gestohlenen Madonna durch das Kuba der Gegenwart. So elend, so verarmt hat es Padura noch nicht gezeichnet. Die Armutsflüchtlinge aus dem Osten Kubas lassen sich an den Rändern Havannas nieder. Aus dem Kreis dieser Ärmsten, „Palästinenser“ genannt, rekrutieren die wohlhabenden Händler mit internationalen Kontakten ihre Handlanger. Einer aus dieser Clique der Neureichen steckt hinter dem Raub der Madonna.
Der zweite Erzählstrang folgt einer Figur immer gleichen Namens, Antoní Barral, durch die Jahrhunderte rückwärts. Spanischer Bürgerkrieg, Kriege um die spanische Krone und die Kriege der Kreuzzüge – immer schützt er die Madonna, immer schützt sie ihn. Padura verhandelt in diesen historischen Episoden plastisch und detailreich die großen Fragen: wie pervertieren fortschrittliche Strömungen unter dem Einfluss der Macht, wie verleugnen sich Individuen unter dem Druck der Ideologien?
Das Ganze nimmt zum Schluss noch eine erstaunliche Wende: Conde, der immer vom Schreiben träumte, hat es endlich getan.
Mein Fazit: Padura ganz stark, ganz bei sich. 


Auf  Platz 9: Der gute Sohn von Jeong Yu-Jeong (original 2016: Jong-ui Giwon)

Jeong Yu-Jeong, 1966 geboren, faszinierte 2015 mit Sieben Jahre Nacht (Krimibestenliste 2105/16), einem Roman über einen despotischen Gutsbesitzer, eine Retortenlandschaft aus Stausee und Naturpark und einen schwachen Vater.
Der gute Sohn ist eine rückwärts erzählte Selbsterforschungsgeschichte, in der sich der „gute Sohn“ aus den emotionalen und manipulativen Fesseln seiner Mutter, ihrer Schwester und der gesellschaftlich geforderten Wohlanständigkeit befreit. Wieder in einer Retortenstadt. Der Preis dieser Befreiung ist allerdings hoch: Er besteht in der Einsicht in sein wahres Wesen – und die ist absolut nicht erfreulich.  

Der gute Sohn ist ein intelligentes Psychogramm in Form eines beklemmenden Thrillers. (Hanspeter Eggenberger, Zürcher Tages-Anzeiger)


Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal steht Tana French mit Der dunkle Garten auf der Krimibestenliste.

Ich wünsche Ihnen wie immer viel  Anregung und Vergnügen bei der Lektüre und würde mich freuen, wenn Sie unsere Bestenliste weiterempfehlen  könnten. Abonnieren kann man diesen Newsletter hier


Die Krimibestenliste März wird am Sonntag, den 3.3.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gedruckt veröffentlicht, und ist online wiederzufinden unter www.faz.net/krimibestenliste
und www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste (ab Montag).
Unter diesen Webadressen finden Sie immer die aktuelle Krimibestenliste.

Am Freitag, dem 1.3. um 8.20 Uhr  gab es wie immer einen Vorgeschmack auf die Krimibestenliste bei Deutschlandfunk Kultur.


Die Krimibestenliste finden Sie als Download unter 
Krimibestenliste März

Mit besten Grüßen

Ihr Tobias Gohlis




Wenn Sie diesen Newsletter nicht mehr empfangen möchten, können Sie ihn hier kostenlos abbestellen.

Krimibestenliste
Tobias Gohlis
Am Sooren 100
22149 Hamburg
Deutschland


krimibestenliste@togohlis.de